„Der Abstand der Bayern zum Rest ist absurd“

 

„Der Abstand der Bayern zum Rest ist absurd“

 

Marcel Reif (68) ist einer der prägenden deutschen Fußball-Kommentatoren der vergangenen Jahrzehnte. Er begann in der Politik-Redaktion des ZDF, war ab 1984 im Sport-Ressort tätig. 1994 wechselte er zu RTL, wirkte hier ebenso als Chefkommentator wie bei Sky (ab 1999 beim Vorläufer Premiere). Seit 2016 bringt Reif seine Erfahrung als Experte bei SPORT1 im „CHECK24 Doppelpass“ ein, zum nächsten Mal am kommenden Sonntag, 29. April. Im Interview mit Norbert Plützer äußert er sich zum Umgang mit Kritikern, zum Comeback als Kommentator und zur chronischen Bayern-Dominanz in der Bundesliga.         

tippmit: Herr Reif, Sie haben mehr als 30 Jahre lang Fußballspiele kommentiert und haben 2016 gesagt „Mit dem Kommentieren bin ich durch“. Seither sind Sie regelmäßig sonntags bei SPORT1 als Experte für den „CHECK24 Doppelpass“ aktiv. Wie sieht Ihre Bilanz nach fast zwei Spielzeiten dort aus? Eine richtige Entscheidung?

Reif: Es macht mir genau so viel Spaß, wie ich gehofft habe. Ich hatte mir vorgenommen, wenn ich etwas mache, mache ich nur noch etwas, das Spaß macht. Alles andere muss wirklich nicht mehr sein. Ich stelle fest, es macht mir genaus so viel Spaß, wie ich gehofft habe, zum Teil sogar mehr.

tippmit: Sie sind damals gefragt worden, ob Ihnen das Adrenalin in den Live-Übertragungen nicht fehlt. Jetzt nehmen Sie ab der kommenden Saison für den Schweizer Teleclub die Champions League live ins Visier. Also hat das Adrenalin doch gefehlt?

Reif:  Es hat mir nicht bewusst gefehlt. Aber als die mir gesagt haben, „Wir haben die Champions League gekauft“, habe ich gesagt, „Das ist ein April-Scherz.“ Die Antwort war „Nein, wir haben sie wirklich. Du kannst Dir zehn Spiele aussuchen, inklusive des Finales, würdest Du uns die kommentieren?“ Da habe ich kurz nachgedacht, und dann habe ich gedacht, da ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, und was schert mich mein Geschwätz von gestern wenn ich doch wieder Lust habe es zu machen nach zwei Jahren, dann mache ich Spiele. Aber die werden auch sehr touristisch ausgesucht sein. Wenn in Turin oder in Mailand oder in Madrid oder in Barcelona oder in London gespielt wird - Paris könnte auch gehen, unter Umständen - dann muss ich mich nicht zweimal bitten lassen.      

tippmit: Sie waren als Bundesliga-Kommentator bei Verantwortlichen und Fans desöfteren umstritten, sind sowohl etwa von Bayern-Seite wie von den beiden großen Revier-Clubs gelegentlich der einseitigen Parteinahme bezichtigt worden. Wie geht man damit um?

Reif:  Die Antwort ist ja schon in der Frage drin. Da beide Seiten es so gesehen haben, war ich entweder insgesamt unfähig. Dann hätten mich die Sender aber auch nicht bezahlt. Ich glaube nicht, dass die mir ein Gnadenbrot gezahlt haben. Und wenn das nicht der Fall ist, dann habe ich es offenbar richtig gemacht. Denn wenn die einen finden, ich war einseitig in die Richtung, die anderen in die Richtung, dann habe ich das getan, was man als kritischer Beobachter tun muss, nämlich die Dinge so benennen wie sie sind und wie ich sie gesehen habe. Mit Kritik muss man umgehen, wenn man auf dem Seil tanzt, muss man davon ausgehen, dass unten Leute zuschauen. Wenn man etwas öffentlich macht, will man, dass es gesehen wird, gehört wird. Und das bringt Kritik mit sich. Aber den Begriff Kritik habe ich immer sehr eng definiert. Das muss sachlich sein. Wenn mir jemand Fehler nachgewiesen hat, war ich der erste, der sich darüber gegrämt hat und der losgezogen ist und der sich vorgenommen hat „Das passiert Dir so schnell nicht wieder!“ Aber wenn es in dumpfbackige Beschimpfungen, Beleidigungen und zum Teil auch darüber hinausgeht, das habe ich ziemlich schnell an mir vorbeigehen lassen.        

tippmit: Bei der Kritik sind tatsächlich manchmal Grenzen überschritten worden, Sie sind etwa in Dortmund vor dem Revier-Derby im März 2015 mit Ihrem Wagen von Fans umstellt worden und mussten von der Polizei befreit werden. Hat das auch dazu geführt, dass Sie gesagt haben, „Ich setze mich diesen Situationen in den Stadien nicht mehr unbedingt aus“?   

Reif:  Also ich gebe schon zu, dass das eine rote Linie war. Deshalb habe ich daraus auch einigen Wirbel gemacht. Weil ich fand, dass man das benennen muss, das geht zu weit. Hier redet einer über Fußball und der wird physisch bedroht – das geht nicht. Wenn es nur mich betroffen hätte, hätte ich es vielleicht verdrängt. Aber im Auto saß meine Frau, und die hatte Angst. Wenn es darum geht, ein Fußballspiel zu kommentieren und daraus entstehen dann Bedrohungsszenarien, bei denen meine Frau Angst haben muss, das macht mir dann den Fußball kaputt. Das hat mit dem, was ich noch im Spektrum habe, nichts mehr zu tun. Das war sicher nicht entscheidend, aber ein sehr massiver Denkhinweis.                 

tippmit: Wie sehen Sie generell die Entwicklung des Kommentatoren-Stils? Ich gehöre selber noch zur „Generation Sportschau“ und habe etwa Ernst Huberty oder Dieter Kürten zugehört. Etwa Anfang der 90er Jahren hat man dann angefangen stark zu dramatisieren, fast schon zu brüllen, so bald der Ball die Mittellinie überschritten hatte. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung von einem eher sachlich-fachlich-nüchternen Stil zum deutlich Dramatischen?

Reif: Ich will mich nicht wichtiger nehmen als ich bin, aber wo verorten Sie mich denn da? Dieter Kürten war mein Mentor, Freund. Und der hat darauf bestanden, dass ich Fußball kommentiere. Und ich habe nach ihm und Rolf Kramer die Kommentatoren-Position besetzt und war dann Chefkommentator bei RTL, Chefkommentator bei Sky – also wenn Sie mich unter Brüllen einordnen… Das war mir relativ fremd.     

tippmit: Sie würden wir da nicht explizit einordnen.   

Reif: Entwicklung – das klingt so wie „Irgendwann wurde das Rad erfunden und heute fliegen wir zum Mond“. Jede Zeit hat Ihren Stil. Ich fand Rudi Michel grandios. Der wusste, wann man den Mund hält, der hat Emotionen laufen lassen. Das waren eher meine Vorbilder. Dass es dann lauter geworden ist, das kann sein, mag aber auch an der Konkurrenz liegen. Dass viele meinten, sich unterscheiden zu müssen und noch einen draufzusetzen. Bei manchen Kollegen dachte ich manchmal „Jetzt sind wir in der 1. Minute und Du gibst dermaßen Gas. Was ist denn wenn ein Tor fällt oder wenn hier richtig mal was los ist?“ Aber es gibt auch heute Ruhigere, jeder ist wie er ist, das Spektrum ist breit. Ich würde nicht sagen, dass es sich von einer kathedralischen Stille hin zu einem infernalischen Brüllen entwickelt hat bei allen Kommentatoren. 

tippmit: Wie sehen Sie heute das Produkt Bundesliga, mit der chronischen Bayern-Dominanz. Gibt es eine Chance, diese Dominanz zu durchbrechen? Wenn überhaupt, wem trauen Sie das am ehesten zu?

Reif: Wenn ich es aus der Hoffnungsecke mache, dann sage ich, irgendwann muss ja wieder jemand kommen. Wie haben es ja gesehen bei Dortmund. Wenn alles zusammenpasst und die Bayern Fehler machen, dann muss es die Chance ja irgendwann geben. Wenn ich es mit Verstand mache und einfach die Parameter zusammenzähle die jetzt daliegen, dann sage ich „Nein, es gibt keine Chance.“  Wenn die Bayern nicht selber beschließen, jetzt mal nicht Meister zu werden, sind sie von niemandem zu knacken. So viele Fehler können die gar nicht mehr machen. Das ist todtraurig, weil es allen Kriterien widerspricht, die man an Sport anlegt. Wenn man sagt „Ich weiß nicht, wie es ausgeht, das ist spannend, deshalb gucke ich es so gerne.“  Wenn ich aber weiß, wie es ausgeht, dann ist es so wie in die Oper zu gehen, es wird sehr schön zelebriert. Aber die Spannung wie ich sie früher kannte, „Wer wird Deutscher Meister, wer gewinnt dieses Spiel?“, die fehlt. Wenn die Bayern spielen, dann gewinnen sie das Spiel und wenn es um die Meisterschaft geht, werden Sie Deutscher Meister. Das kann einem gefallen, wenn man Bayern-Fan ist. Wenn man nicht Bayern-Fan ist, kann einen das mutlos machen. Der Abstand, so wie er jetzt ist, ist absurd. Wenn das so weitergeht, werden sich die Bayern aus dieser Liga auch verabschieden. Und das wird auch gut sein. Borussia Dortmund, dem designierten Bayern-Jäger, dem haben sie mal sechs Stück gegeben. Im Pokal haben sie es ein bisschen gnädiger gemacht mit dem Tabellen-Dritten, dem haben sie auch sechs verpasst, auf deren Platz, wohlgemerkt. Im Pokal. Wo man sagt, es geht nur um diesen Abend. Sechs Stück. Und haben zwei kassiert wenigstens. So dass es nicht ganz so jämmerlich aussieht.   

tippmit: Jetzt kommt Real Madrid. Das ist eine ganz andere Hausnummer. Wie sehen Sie da die Perspektiven? 

Reif:  Das wird sicher knapp. Real Madrid ist für mich der Top-Favorit für die Champions League. Weil sie die Qualität haben, weil Sie in der Saison die Liga mal haben schleifen lassen – der Pokal ist in Spanien sowieso nicht so wichtig - für die zählt nur die Champions League. Und da sind einige auch ein bisschen in die Jahre gekommen, diese Mannschaft wird so nicht lange mehr zusammenbleiben, da werden einige gehen, da werden neue kommen. Und ich kenne die These „Ein richtig gutes Pferd springt nur so hoch wie es muss“, ich glaube, die haben sich wirklich nur auf die Champions League konzentriert. Gegen Juventus Turin waren sie sich zu sicher, das hat sie wieder runtergeholt auf menschliche Dimensionen. Die sind sehr, sehr, sehr gut. In der Champions League sind sie sicher das Maß der Dinge. Aber die Bayern haben gezeigt, dass sie es sehr sachlich spielen können, sie haben gezeigt, dass sie glänzen können. Man glaubt wieder so etwas zu spüren. Diese Heynckes-Euphorie, manchmal wird mir das alles zu viel. Aber wenn Du da hinguckst, irgendwie spielen die auch für den, irgendwie fühlen die sich dem verpflichtet. Der hat die aus einem ziemlichen Schlamassel unter Ancelotti rausgeholt, der führt sie auf eine Art, wie man es nicht besser machen kann. Irgendwie habe ich das Gefühl, die sind dem etwas schuldig. Und zwar von sich aus, nicht eingeklagt. Also das ist sicher richtig, richtig schade, dass das nicht das Finale ist. Hier wird es wirklich um Tagesform gehen. Zwei Abende, es wird sehr, sehr knapp.

Mehr von Marcel Reif gibt es im Buch „Nachspielzeit - ein Leben mit dem Fußball“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch). Hier schildert der Kommentator sehr unterhaltsam „große Momente in manchmal auch kleinen Spielen“ seiner Laufbahn.  

 

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