"Bayern kann noch eingreifen"

 

„Der Abstand der Bayern zum Rest ist absurd“

 

Jochen Stutzky, Jahrgang 1980, schloss sein Studium der Diplom-Sportwissenschaften in München ab. Im Anschluss arbeitete er als Reporter für Radio Gong 96.3 und 90elf - Dein Fußballradio und als freier Redakteur für Arena.tv, Thinxpool/Servus TV und für das DSF/SPORT1. Bei SPORT1 ist er jetzt als Nationalmannschaftsreporter, Kommentator und Moderator im Einsatz. Als Moderator ist Jochen Stutzky unter anderem in „Bundesliga Aktuell“ regelmäßig zu sehen. Im Interview mit Norbert Plützer äußert er sich zur Situation in Bundesliga und Nationalmannschaft und gewährt einen Blick hinter die Kulissen von "Bundesliga Aktuell".         


tippmit: Herr Stutzky, wir hatten im April mit dem „CHECK24 Doppelpass“-Experten Marcel Reif gesprochen. Er war der Meinung, der Abstand von Bayern München zum Rest des Feldes sei absurd und zeigte auch die Perspektive auf, dass sich das in der neuen Spielzeit nicht ändern würde. Hätten Sie gedacht, dass das so schnell gehen würde?

Stutzky: Nein. Auf keinen Fall. Damit habe ich nicht gerechnet und ich glaube auch nicht, dass irgendein Experte damit gerechnet hat. Es gab natürlich viele Faktoren, die da mit reingespielt haben, nicht nur die Schwäche der Bayern sondern auch die Stärke der Dortmunder. Bei Dortmund läuft alles perfekt, bei den Bayern haperte es lange Zeit an so vielen Punkten, dass die Summe diesen Abstand nach oben ausmacht.

tippmit: Welche Faktoren genau sind aus Ihrer Sicht ausschlaggebend bei den Bayern: Was haben die Bayern vor der Saison und während der Saison falsch gemacht, um da zu stehen, wo sie jetzt stehen?

Stutzky: Ein Grund ist, dass im Sommer eine Weltmeisterschaft stattgefunden hat. Danach sind die Spieler natürlich nicht so erholt wie nach Sommern ohne Turnier. Bei Bayern waren sehr viele Spieler mit in Russland dabei, auch wenn das Turnier für die Deutschen katastrophal lief und entsprechend früh Schluss war. Das hat auch mental Spuren hinterlassen. Dann hat man in meinen Augen versucht, sich auf diese „Mia-san-mia-Dominanz“ zu verlassen und damit gerechnet, dass der Kader, stark genug ist, um weiterhin die Bundesliga zu dominieren und in der Champions League mindestens das Halbfinale zu erreichen.     

tippmit: Woran lag es, dass der Saisonstart der Bayern verkorkst war?

Stutzky: Der Kader wurde insgesamt nicht gut genug verstärkt, die Suche nach dem neuen Trainer war nicht ganz so erfolgreich. Zwar hat man Niko Kovac etwas zugetraut, weil er in Frankfurt tolle Arbeit geleistet hat. Bis die Rädchen ineinandergriffen, hat es dann aber sehr lange gedauert. Ich habe den Eindruck, dass nicht alle Bayern-Spieler Niko Kovac voll akzeptieren. Daher ist es ein Problem des Respekts. Bei Bayern hatte selbst ein Carlo Ancelotti trotz seiner Erfolge und trotz seiner Routine bei den Spielern nicht das Standing wie zum Beispiel ein Jupp Heynckes. Heynckes war eine absolute Autorität und Respektperson. Ich kann mir vorstellen, dass die Spieler einfach nicht geschlossen hinter Niko Kovac, seiner Arbeit und seinen Aussagen stehen können. Und wenn es auch nur in kleinen Fällen ein Gegeneinander statt Miteinander ist, dann funktioniert die Mannschaft nicht gut genug.       

tippmit: Das heißt, Sie legen sich fest, dass Niko Kovac keine längerfristige Perspektive bei Bayern München hat?  

Stutzky:  Das würde ich so nicht sagen. Ich denke, dass es in den vergangenen Wochen sehr wohl Aussprachen gab und dass die Bosse Niko Kovac auch ein bisschen beeinflusst haben. Jetzt ist er von der Rotation abgerückt, weil sie nicht erfolgreich war. Ich vermute, dass da doch Einfluss genommen wurde auf Niko Kovac und die Mannschaft. Bei  Carlo Ancelotti haben sich die Bayern-Bosse ja auf die Seite der Spieler gestellt und gesagt „O.k., wir entlassen Carlo Ancelotti, er ist das Opfer des Misserfolgs.“ Niko Kovac hat mit seiner Art Erfolg gehabt. Er hatte auch mit  Kroatien keine schlechte Zeit, er war bei Eintracht Frankfurt sehr erfolgreich, was Mentalität angeht. Ihm gelang es, eine Mentalität so einzuimpfen, dass seine Teams auch Gegner mit höherer Qualität schlagen konnten. Kroatien profitierte davon sogar noch bei der WM 2018. Man muss sich nur fragen, warum er mit dem gleichen Rezept, mit der gleichen Ansprache, der gleichen Denkweise woanders Erfolg hat und bei Bayern  nicht sofort. Mir scheint, als gingen nicht alle Spieler seinen Weg kompromisslos mit. Jetzt hingegen können die Stars davon ausgehen, dass Kovac diese kleine Krise erstmal überlebt hat und wohl überleben wird. Wenn er nun kurz oder mittelfristig Erfolg hat, schließe ich nicht aus, dass er längerfristig bleibt.                

tippmit: Kann Bayern in den Titelkampf noch eingreifen oder ist Dortmund durch?

Stutzky: Bayern kann noch eingreifen. Ich gehe immer davon aus, dass es für jede Mannschaft in einer Saison Schwächephasen geben wird, das wird die Dortmunder auch irgendwann treffen. Der BVB hat extrem viele junge Spieler und viele Spieler, die leider in den letzten Jahren immer wieder verletzungsanfällig waren. Momentan tanzt die Münze auf der Kante und fällt immer auf die Dortmunder Seite, weil man auch die knappen Spiele gewinnt. Das wird nicht immer so sein. Deswegen glaube ich, dass die Bayern eine Chance haben werden, diesen - zugegeben großen - Rückstand aufzuholen. Dafür allerdings brauchen die Münchner eine Zeit, in der sie eben keine Punkte liegen lassen und eiskalt zuschlagen, wenn Dortmund patzt. Das wird eine spannende Rückrunde.    

tippmit: Halten Sie es für möglich, dass eines der deutschen Teams in den Titelkampf in der Champions League eingreift? Oder kommt der Champions-League-Sieger nicht aus Deutschland?  

Stutzky: Es ist zwar immer möglich, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine deutsche Mannschaft in dieser Saison die Champions League gewinnt. Dafür sind andere Mannschaften zu stark, zu dominant und auch zu erfahren im Gesamtpaket. Die Mischung macht’s. Um große Titel zu gewinnen, braucht man auch eine starke Bank und ich sehe insgesamt andere Mannschaften deutlich stärker als Borussia Dortmund, Bayern München und Schalke 04.

tippmit: Wer ist aus Ihrer Sicht der Top-Titelkandidat?

Stutzky: Für mich ist immer Manchester City und auch Paris Saint-Germain ein Titelkandidat. ManCity und Paris traue ich es definitiv zu, und dann kommen natürlich noch Real Madrid und Barcelona in Frage.  

tippmit: Zu einem ganz anderen Thema: Sie begleiten die Nationalmannschaft für SPORT1, sind da ganz nah dran. Die Mannschaft hat ein ganz schwaches Jahr hinter sich, mit dem Scheitern bei der Weltmeisterschaft und in der Nations League. Wie sehen Sie die Chancen für den Umbruch? Ist das eine Mission, die unter dem aktuellen Bundestrainer Joachim Löw gelingen kann und wird?

Stutzky:  Mittlerweile bin ich der Meinung, Jogi Löw hat den Turnaround geschafft. Er hat den Umbruch eingeleitet und auch seine Lehren aus dem gezogen, was passiert ist. Kurz nach der Weltmeisterschaft hat er mich dagegen überhaupt nicht überzeugt. Er hat einfach sein Ding weiter durchgezogen, ohne zu reflektieren was gut, was schlecht war und was er ändern muss und hat eben seine alten Zöpfe nicht abgeschnitten.

tippmit: Was läuft nun anders?

Stutzky: Zum Beispiel ist Jérôme Boateng mal zuhause geblieben. Löw hat an ihn und Mats Hummels die Gelbe Karte verteilt – beide sind eigentlich Top-Stammspieler. Ich finde, ein Bundestrainer sollte den Luxus nutzen, zu jedem Nominierungszeitpunkt die besten und formbesten 23 Spieler zu berufen. Ohne Rücksicht auf Namen und Verdienste. Deswegen ist der Umbruch für mich eingeleitet, das hat er gut gemacht. Er hat auf junge Spieler gebaut, hat sein System hinterfragt, es ein bisschen geändert. Löw hat an vielen Stellschrauben gedreht und versucht jetzt peu à peu noch jüngere Spieler einzupflegen. Das muss der Weg für die Zukunft sein. Man darf nur nicht erwarten, dass die deutsche Mannschaft ab sofort mit jüngeren Spielern wieder bei den großen Turnieren Favorit auf den Titel ist. Da ist die Erwartungshaltung in Deutschland zu hoch. Aber Jogi Löw hat den Umbruch herbeigeführt, wird ihn auch weiter durchziehen und der DFB wird ihm auch die Treue halten. 

tippmit: Sie haben bei SPORT1 viele verschiedene Funktionen ausgeübt, wie etwa Beitragsmacher, Sendeleiter, aktuell sind Sie Kommentator und Moderator. Was machen Sie am liebsten, in welcher Aufgabe gehen Sie am ehesten auf?

Stutzky: Das ist eine Frage, die ich nicht eindeutig beantworten kann, weil ich schon seit jeher versuche, mich so breit wie möglich aufzustellen und versuche ein buntes und abwechslungsreiches Aufgabengebiet zu haben. Das hat mir immer gut getan, das hat mich auch immer davor bewahrt, zu einseitig zu arbeiten. So ist meine Arbeit nie langweilig geworden. Ich setze gerne auf mehrere Tätigkeitsfelder, bin aber sehr glücklich, kommentieren und moderieren zu können und dürfen. Moderator, Kommentator, Reporter, das ist die Bezeichnung, die ich angestrebt habe, und die ich mittlerweile erreicht habe. Da möchte ich keine Funktion schmälern und sagen: „Die eine ist mir wichtiger als die andere. 

tippmit: Haben Sie sich beim Einstieg in diese Tätigkeiten orientiert an einem älteren Kollegen, gibt es so etwas wie ein Vorbild?

Stutzky: Als ich von der Uni kam und angefangen habe, im Medienbereich zu arbeiten, war ich als Radio-Kommentator tätig. Da habe ich sehr starke Förderung erhalten von Günther Koch, der „Stimme Frankens“, der sehr viele tolle Radio-Reportagen hingelegt hat. Er hat mich unterstützt, er hat mich ein bisschen geführt und deswegen war er ein Vorbild. Im Fernsehbereich hatte ich ein Coaching bei Jörg Wontorra. Zu Wonti pflege ich auch persönlich ein gutes Verhältnis. Das ist einfach jemand, der einem so viel beibringen kann und der mit jetzt 70 Jahren immer noch so eine Begeisterung hat, die beeindruckend ist. 

tippmit: Von einer SPORT1-Sendung wie „Bundesliga aktuell“ bekommt der Zuschauer nur die Sendezeit mit. Wieviel Arbeit steckt da drin, auch für Sie persönlich, wenn Sie moderieren? Wie viele Menschen sind da involviert?

Stutzky: Es kommt immer drauf an, wie lange die Sendung tatsächlich dauert. Wir haben mal kürzere Sendung, mal längere. Als ich bei „Bundesliga Aktuell“ angefangen habe, war es mitunter üblich, auch mal anderthalb Stunden-Sendungen auszustrahlen. Für uns ist es auch an den einzelnen Tagen sehr unterschiedlich. Es macht einen Unterschied, ob man am Montag „Bundesliga aktuell“ moderiert oder am Freitag, ob die Sendung nach dem Wochenende läuft oder direkt vor dem Wochenende, wenn der Spieltag gerade beginnt. Was dir ein gutes Gefühl gibt, dich aber auch zur Aufmerksamkeit mahnt. Das ist das Schöne an dem Job. Wenn die Sendung um 18.30 Uhr stattfindet, gehe ich meistens  tagsüber schon die ganzen Medienberichte durch, sortiere mir ein bisschen die Themen, telefoniere auch mit dem Leiter der Sendung, wie unsere Themen denn an dem Tag aussehen. 

tippmit: Wie geht es dann weiter im Tagesablauf?

Stutzky: Mit den Beitragsmachern bespreche ich ihre Beiträge, wie sie einsteigen, was sie sich vorstellen, wie der rote Faden aussieht, wie ich da am besten hinführen könnte. Man ist schon den ganzen Tag mit der Sendung beschäftigt. Man hat vieles im Hinterkopf, man versucht vieles so gut wie möglich zu formulieren und ist deshalb den ganzen Tag im „Bundesliga aktuell“-Sendungstunnel und auch in diesem Modus. Wieviele Menschen rund um die Sendung genau beteiligt sind? Wir bekommen Videomaterial von Externen geliefert, weil ja Pressekonferenzen in der Bundesliga stattfinden, da dreht dann vor Ort ein Kollege diese Pressekonferenz für uns. Es gibt drei, vier Beitragsmacher pro Sendung, einen Leiter der Sendung, einen Ablaufredakteur, es gibt zwei Regie-Operatoren. Summa summarum sind circa zehn Menschen an dieser Sendung und an der Sendeplanung direkt beteiligt. Hinzu kommen natürlich noch die Kollegen von SPORT1.de, die uns Input geben, welche Beiträge auf der Seite nachzulesen sind, welche Themen sie herausstellen.  Viele Menschen können Input geben und man versucht das Beste daraus zu ziehen.  

 

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